Der neue Coltan-Handel in Bukavu und ganz Kivu Drucken
In der Provinz Kivu ist der Coltan-Handel für die einen eine Neuigkeit, für andere dagegen Routine. Anfang der achtziger Jahre gründete die Firma Kotecha, Unternehmen eines Inders mit amerikanischer Staatsbürgerschaft und seit 1963 in Bukavu ansässig, eine Minengesellschaft mit dem Namen SOZAMI (Société Zairoise des Mines). Zu der Zeit kaufte er Cassiterite und seine Derivate auf, darunter Coltan. Dies geschah ohne Wissen der Bevölkerung, die ihm das Cassiterite lieferte. Auch der Staub und die Abfälle der Produktion wurden exportiert, ohne dass man wusste, worum es dabei ging.

Nach der Eroberung der Provinz Süd-Kivu im Jahr 1996 machten sich ruandische und ugandische Geschäftsleute und Offiziere an die Untersuchung der Mineralbergwerke, und zwar mit Hilfe einer kanadischen Gesellschaft, die im Gebiet von Mwenga und Walikale Fuß gefasst hatte. Im Verlauf dieser Operationen, welche per Helikopter durchgeführt wurden, begann allmählich der Handel mit Coltan in der Provinz, und es wurden Büros für den Ankauf in allen Stadtteilen von Bukavu eingerichtet, angefangen mit den Randbezirken der Stadt nahe der Ausfallstraßen. Diese Randbezirke sind besser für die ländlichen Anlieferer, die sich in Bukavu wenig auskennen, die nicht wissen, wie Geschäfte in der Innenstadt abgewickelt werden und die auch den überhöhten Steuern entgehen wollen, welche von der Rebellenregierung und ihren ruandischen Alliierten erhoben werden. Daneben gibt es große Märkte nicht weit von Bukavu, die als Versorgungsschwerpunkte für die Bevölkerung dienen. In Ngweshe zum Beispiel gibt es zwei Märkte, und dann noch eine Reihe weiterer in anderen Bergbauzonen.

Ein Element, das den Coltan-Handel gefördert hat, ist die Unzugänglichkeit derjenigen Gegenden, in denen sich Goldminen befinden. Denn diese sind von bewaffneten Gruppen sehr gut bewacht, seien es Mai-Mai-Kämpfer oder Soldaten der ehemaligen ruandischen Armee. Einige Abbaugebiete für Coltan sind unter ruandischer oder ugandischer Militärbewachung. Die Zivilbevölkerung, die dort Zugang hat, dient als billige Arbeitskraft. Das heißt, die Zivilisten haben Zugang zu den Bergwerken und bauen dort ab, aber sie können nur an die Verantwortlichen verkaufen, die dies Gebiet besetzt halten und sie dürfen kein Gramm Coltan aus den Bergwerken mit nach Hause nehmen. Die Kontrolleure diktieren den Einkaufspreis nach ihrer Einschätzung dessen, was sie verdienen möchten, wenn sie in Kigali verkaufen. Abends wird die gesamte Tagesausbeute über den Kivu-See oder per Auto unter Militäreskorte außer Landes nach Ruanda geschafft. Und das alles ohne Abgaben zu zahlen, wenn es sich um einen Offizier handelt.

Alle großen Aufkaufbüros für Coltan im Süd-Kivu sind Privateigentum von ruandischen Staatbürgern, Zivilisten oder Militärs, während im Nord-Kivu das Gleiche von den Ugandern betrieben wird. In Süd-Kivu ist die wichtigste Achse die von Walikale und Lubutu, die auch einen guten Teil der Bevölkerung anzieht. Jeden Donnerstag brechen sie von Bukavu auf. Man zählt leicht 30-35 Lastwagen voll junger Männer, die aus den Gebieten von Walungu, Idjwi, Ngweshe, Kalehe und Kaziba stammen. Unterwegs läuft nicht immer alles glatt. Nicht alle, die aufgebrochen sind, kommen auch wieder zurück. Einige werden Opfer von Überfällen durch Uniformierte und werden völlig ausgeraubt. Andere kommen durch Erschießen zu Tode oder durch Angriffe mit Macheten und Messern im Urwald oder auch mitten auf der Straße am helllichten Tag. Die Angreifer sind häufig Militärs jeglicher Couleur oder Mai-Mai-Kämpfer.

Diese neue Aktivität im Kivu kann nicht ohne Konsequenzen - positive und negative - für das alltägliche Leben die Bevölkerung bleiben. Es werden hier die wichtigsten und sichtbarsten aus verschiedenen Lebensbereichen vorgestellt:

Viele Schulen sind nahe vor der Schließung wegen Mangels an qualifizierten Lehrern. Nicht wenige sind aufgebrochen und haben sich auf die Suche nach dem Glück gemacht, wobei sie ihre Schüler ohne weiteres im Stich lassen. Das wirkt sich ernsthaft aus auf Qualität und Erfolg des Unterrichts. Auch Universitätsstudenten sind mitten im akademischen Jahr ausgestiegen, um durch den Handel einen Ausweg zu finden aus ihren finanziellen Problemen. In einigen Kirchen haben die Pastoren ihre Gemeinden verlassen, um sich in den Bergbaugebieten oder deren Nachbarzonen niederzulassen.

Auf den Märkten steigen die Preise und die Inflation nimmt von Tag zu Tag zu, bedingt durch die Geldmenge, die in den lokalen Wirtschaftskreislauf geworfen wird. Insbesondere wenn die Schürfer in der Gegend sind, kaufen sie für jeden Preis Vorräte oder Artikel, welche sie dann in die Bergbaugebiete mitnehmen, um sie dort wieder zu verkaufen oder einzutauschen.

In den Wohngebieten der Schürfer kommt es vor, dass die Bevölkerung häufig von bewaffneten Banden überfallen wird, die auf der Suche sind nach dem Geld dieser neuen Mitspieler im Spiel um Geld.

Die Knappheit an Mietwohnungen und/oder die steigenden Mietpreise treffen die weniger einkommensstarke Bevölkerung folgendermaßen: Die Hausbesitzer suchen sich Mieter unter den Schürfern, Verkäufern, Händlern und Spekulierern von Coltan. Denn die zahlen regelmäßig.

Um die Bevölkerung zu entmutigen und um sich selbst zu bereichern setzen die derzeitigen Machthaber die diesbezüglichen Abgaben herauf, aber ohne Erfolg. Denn die Betroffenen richten sich darauf ein durch die Strategie der Umverteilung innerhalb eines Hauses. Wenn es sich z.B. um eine Abgabe von $1000 im Vierteljahr handelt, tun sich sieben bis zehn Personen zusammen, die am gleichen Ort arbeiten und es gelingt ihnen, diese illegale Abgabe leicht zu zahlen.