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Tragödie auf dem Kivu-See

Der Schiffbruch der "MUSAKA" versetzt die Städte Goma und Bukavu in Trauer. Eine humanitäre Katastrophe hat sich in Goma, Nord-Kivu, zugetragen. Ein Boot, welches aus lokalen Materialien in einem kleinen Betrieb in Goma gebaut worden war, erlitt Schiffbruch. Man sagt, dass viele Motoren in derartigen Booten nicht Schiffsmotoren sind: Sie stammen vielmehr aus den unterschiedlichsten Maschinen wie bspw. Baumaschinen, die von ausländischen Organisationen wie SEAZA, STRABAG, ASTALDI, AMSAR... zurückgelassen wurden.

Ein Boot dieser Art, die "MUSAKA", hat am Donnerstag, dem 03.05.2001 abends gegen 17.00Uhr örtlicher Zeit Schiffbruch erlitten. Und dies noch bevor der Motor in Gang gesetzt wurde. Mehr als 100 Personen wurden Opfer dieses Unglücks. Die meisten Opfer wurden bisher nicht geborgen: Nur 44 Leichen konnten von den mangelhaft ausgerüsteten, lokalen Rettungsmannschaften und mit Unterstützung humanitärer Hilfsorganisationen aus dem See geborgen werden. Insbesondere halfen das Rote Kreuz und die Pfadfinder. Die Suche wurde fortgesetzt, wobei die genaue Anzahl der Opfer nicht bekannt ist und vielleicht nie festgestellt werden wird. Auf Verlangen der Behörden von Goma wird weiter nach dem Boot gesucht.

Seit einiger Zeit verkehren viele Boote zwischen Goma und Bukavu, eins oder zwei jeden Morgen und jeden Abend. Früher ging der Verkehr meist über die Straße entlang des Seeufers. Diese Verbindung ist seit der Zeit der Unruhen den meisten Menschen zu unsicher geworden. Die Boote sind derart beansprucht, dass das Beladen und die Einschiffung der Passagiere durch die zuständigen Behörden am Hafen nicht mehr überwacht werden kann.

In dem Augenblick, wo die technische Mannschaft der "MUSAKA" sich anschickte, die Vorbereitungen zur Abfahrt zu treffen, gab es einen Wolkenbruch. Am Hafen suchten Passagiere und ihre Begleitpersonen Schutz vor dem Regen, fanden diesen aber nur auf dem Boot. Alle drängten gleichzeitig an Bord. Die Kapazität des Bootes war sofort überschritten. Dazu kam vom See ein heftiger Sturm auf. In weniger als fünf Minuten kenterte das Boot und wurde vom Landesteg losgerissen als Leinen und Halteblöcke nachgaben. Nicht alle gingen unter, aber nur einige wenige konnten sich in Sekundenschnelle retten, bevor das Drama seinen Lauf nahm. Auf dem Boot befanden sich außerdem Waren verschiedener Kaufleute und Güter des täglichen Lebens.

Diese Tragödie konnte geschehen, weil es in unserer Provinz an solch öffentlichen Orten wie dem Hafen keine Sicherungsvorkehrungen mehr gibt. Im ganzen Hafengebiet von Goma gibt es keine einzige Halle mehr, wo Reisende oder ihre Begleitung sich vor dem Wetter hätten unterstellen und die Abreise abwarten können. Früher gab es solche Vorrichtungen. Aber die Ankunft der ruandischen Flüchtlinge und ihre Versorgung in den Jahren 1994-1996 hat dies alles zunichte gemacht. Bisher ist es nichts wieder hergerichtet worden.

Dies Boot war immer total ausgebucht, denn es war das preiswerteste: Für nur 5 US$ brachte es die Passagiere nach Bukavu, während die "Karisimbi" 7 US$ und die "Bisengimana" 10US$ kosten. In einem solchen Fall ist die Wahl klar - und so erklärt sich das Gedränge und die Überladung des Unglücksboots.

Hier spielt eine Rolle, was man bei uns seit den Zeiten des Mobutu-Regimes "Artikel 15" nennt: "Schlagt euch durch" (Die Verfassung kennt 14 geschriebene Artikel. Von sagen die Menschen: "Die 14 geschriebenen Artikel kann man vergessen, wichtig ist der 15., der nichtgeschriebene aber in der Realität einzig existierende Artikel). Dieses "sich selbst Durchschlagen" hat inzwischen einen Grad erreicht, dass die Menschen jedes Risiko auf sich nehmen - und wenn es sie das Leben kostet. Sie haben keinen Überblick mehr, sie können die Situationen nicht mehr realistisch einschätzen. Alles wird für normal erachtet und machbar, auch das Unmögliche.

Was sich in Goma abgespielt hat, passiert in ähnlicher Weise auch auf unseren Straßen: Lastwagen und Kleinlaster, oft aus verschiedenen Teilen zusammengebastelt, mit Waren und Passagieren völlig überladen, sind ein regelmäßiger Anblick auf den Straßen. Sie sind die einzigen Verkehrsmittel über Land zu den landwirtschaftlichen Produktionszentren um Bukavu wie der Rusizi-Ebene, Katana oder Nyabibwe.