Volksjustiz Drucken

Diese Geschichte spielt in dem dicht bevölkerten Stadtteil "Essence" von Bukavu, am Tag nach der Ankunft der Flüchtlingsströme, die der Vulkanausbruch bei Goma verursacht hatte (am 17.01.2002 brach der Nyiragongo 10 km von Goma entfernt aus). Sie konnten die Bedingungen in Gisenyi/Ruanda, wohin sie zunächst geflüchtet waren, nicht länger ausgehalten und waren mit dem Schiff über den See gekommen. Kurz nach ihrer Ankunft kursierten Gerüchte, dass alle Zauberer von Goma mit ihren Zauberwerkzeugen nach Bukavu gekommen wären.

Eine Frau aus Bukavu, über dreißig Jahre alt und Mutter dreier Kinder, litt seit über sechs Jahren an einer Geisteskrankheit. Deswegen war sie von ihrem Ehemann verlassen worden, der in ihr keine wertvolle Lebenspartnerin mehr sah. Sie wurde wieder schwanger und da der Vater unbekannt war, nahm ihre Herkunftsfamilie sie auf und zahlte für alles Nötige bis zur Geburt des Kindes. Die Familie bewahrte sie vor allem davor, sich mit unbekanntem Ziel davon zu machen, was immer passierte, wenn die Krankheit auf ihrem Höhepunkt war.

Ende 2001 hatte sie das Kind unter guten Bedingungen in der Geburtsklinik der italienischen Schwestern zur Welt gebracht. Diese hatten nicht gezögert, ihr finanzielle Unterstützung zu gewähren und hatten die Familie gebeten, die Schutzmaßnahmen für sie zu verstärken. So hoffte man, ein Aufflackern der Krankheit in der Stillzeit zu überstehen.

In der Nacht vom 29.01.02 fand man sie in einem anderen Stadtteil etwa eineinhalb Kilometer von ihrer Wohnung entfernt, splitterfasernackt. In diesem Stadtteil war sie unbekannt und niemand konnte eine Aussage machen zu ihrer Identität oder ihrem Gesundheitszustand machen. So kam es, dass das ganze Viertel aufgewühlt wurde. Ohne weiteren Prozess und Maßnahmen zur Aufklärung, rottete sich die Bevölkerung gegen die Unglückliche zusammen, einer mit einer Machete, ein anderer mit einem Stock, um sie umzubringen. Nach vielen Hieben und Schlägen liegt sie in Agonie - da erkennt sie jemand, mit großer Verspätung. Man bringt sie in das nächstgelegene Gesundheitszentrum, aber die Verantwortlichen lehnen es ab, sie aufzunehmen als sie ihren Zustand sehen. Einige Stunden später wird sie im Krankenhaus Panzi, einem Krankenhaus der Pfingstkirche, aufgenommen. Hier stirbt sie, bevor sie irgendeine Behandlung erhalten konnte.

Der Außenstehende stellt sich die Frage, warum die Leute auf diese Weise Recht zu schaffen suchen? Warum benutzt man die schwierigen Umstände, um anderen zu schaden, ohne sich die Mühe zu machen, die Wahrheit herauszufinden über das, was man für wahr hält?

Die einschlägigen Organisationen vor Ort haben den unrühmlichen Angriff auf ein menschliches Wesen, Opfer seiner Krankheit und der Intoleranz der Gesunden, verurteilt. Die örtlichen Autoritäten haben sich damit begnügt, die Chefs des Stadtviertels festzunehmen, die am Ort des Geschehens gesehen worden waren.

Wem nützt die Volksjustiz, wenn selbst Unschuldige, die nicht im Besitz ihrer geistigen Kräfte sind, vonseiten der "Vernünftigen" eine derartige Behandlung erfahren?

Die Jagd auf die Zauberer, ist sie gesetzlich? Wenn ja, was ist die Vorgehensweise unter Umständen, wo die Grundrechte über den Haufen geworfen werden? Es ist vielmehr nötig, die Bevölkerung über die Rechte der Behinderten und über die Mechanismen und Fehler von Volksjustiz aufzuklären.