Bericht unserer Kivureise im Dezember 2010 Drucken
Zeit: vom 28.11. – 8.12.2010
Rahmen: Wir waren „halboffizielle“ Teilnehmer einer Delegation des Kirchenkreises Herne. Seit fast 30 Jahren besteht eine Partnerschaft zwischen der Baptistischen Kirche im Kivu (CBCA = Communauté Baptiste au Centre de l’Afrique)) und dem Evangelischen Kirchenkreis
Herne.
Teilnehmer: Martin Domke, Pfarrer und Geschäftsführer des Einweltzentrums
Herne
Petra Stach-Wittekind, Sozialpädagogin und Vorsitzende der  Kirchenkreispartnerschaft
Burkhard Giese, Pfarrer und Lehrer am Emschertalkolleg
Charlotte Blum und Joline Czernik, zwei angehende Erzieherinnen und Abiturientinnen des Emschertalkollegs
Walter und Ulrike Göller

 

Programm im Überblick
Mo. 29.11. Ankunft in Goma
Di. 30.11. Besuch der Kirchenleitung in Goma
Besuch des Krankenhauses Bethesda in Goma
Fahrt zur Ausbruchstelle des Vulkans, der Goma 2002 fast zerstörte
Fahrt zurück über das Lavafeld, auf dem ein äußerst betriebsames neues Stadtviertel entstanden ist
Mi. 1.12. Fahrt mit dem Schiff von Goma nach Bukavu (9 -14.30 h),
Begrüßung am Hafen, Einquartierung im CAP (Centre d’accueil protestant), abends offizieller Empfang beim Superintendenten
Do. 2.12. Besuch des Gesundheitszentrums der CBCA in Nyamugo, einem Slumviertel von Bukavu
Besuch des Kirchenkreises Muku, ca. 20 km entfernt von Bukavu, auf 2000 m Höhe, Besuch von Kirche, Friedhof, Sekundarschule, Gesundheitszentrum, Kirchenbüro, Grundschule, der „Mutuelle de Buhanga“, einer Bauernkooperative und des Gehöfts des Chef coutumier.
Besuch zweier weiterer Kirchengemeinden auf dem Rückweg nach Bukavu
Fr. 3.12. Besuch bei der ECC (Eglise du Christ au Congo), Monseigneur Kuje
Kurzes Gespräch mit Odile Bulabula
Besuch bei CAPA (Centre d’apprentissage professionel et artisanal), Walters früherer Arbeitsstelle, Führung durch alle Abteilungen
Nachmittags Besuch eines Damenfußballspiels: CAPA gegen die Schülerinnen der Polizeischule Bukavu (0 : 2)
Sa. 4.12. Besuch der Schule von Mulamba, Chidasa
Nachmittags Partnerschaftsaustausch
Kurzes Gespräch mit Stanislas von Ushirika und anderen
Abends kurzer Besuch bei Horst und Linda Gebbers
So. 5.12 Fahrt in die Gemeinde Muhujuza bei Katana, ca. 50 km nördlich von Bukavu, in Seenähe, Besuch des Sonntagsgottesdienstes,
Besichtigung der Schule neben der Kirche
Fahrt zu den heißen Quellen bei der Zementfabrik Cimenki
Fahrt nach Katana zur Clinique des Krankenhauses Fomulac (wo zwei unserer Kinder geboren sind), zurück nach Bukavu
Am späten Nachmittag Fahrt nach Chidasa und Besuch bei der Familie unseres früheren Kindermädchens Jacqui
Abends kurzer Besuch bei der EED-lerin Jessie Bohr
Mo. 6.12. Teilnahme an der Eröffnung einer Fortbildung für die CBCA-Pfarrer
Fahrt nach Muhumba zu unserem früheren Haus und zum Centre Amani am Ende der Halbinsel
Fahrt zu CAPA und Gesprächsrunden mit früheren Mitarbeitern von Walter und anderen Gruppen
Nachmittags Besichtigung der Pharmakina, 2 ½ Stunden Führung durch Dirk Gebbers
Später Gespräch bei BEST (Bureau d’études scientifiques et techniques)
Abends Afrikapremiere des Films „Kinshasa-Symphonie“ im CAP
Verabschiedung
Di. 7.12. Abfahrt nach Cyangugu und Flug nach Kigali, nachts Heimflug

 

Eindrücke

Das Programm war eng und sehr dicht und hat intensive Eindrücke hinterlassen.
Es war unser erster Besuch in Bukavu seit über 17 Jahren.

Auf den ersten Blick hat sich einiges verändert. Die Stadt ist voller Menschen, die Zahl der Autos, Motorräder und vor allem der Fußgänger ist enorm gestiegen. Während vor 20 Jahren die Einwohnerzahl von Bukavu auf 200 – 250.000 geschätzt wurde, ist jetzt die Rede von 2 Millionen oder mehr. Viele Menschen sind während der Kriegswirren in die Stadt geflohen, wo mehr Sicherheit gegeben ist. Insgesamt ist die Sicherheitslage in der näheren Umgebung von Bukavu besser geworden. In Bukavu selbst kann man auch nachts unterwegs sein – pakistanische UNO-Soldaten stehen Wache. Bei unseren Fahrten über Land haben wir uns gefühlt wie früher. Allerdings sprach Carlos Schuler, ein Schweizer, der schon seit über 20 Jahren in Bukavu lebt, davon, dass es kürzlich im Kahuzi-Biega-Park einen Überfall gegeben hat mit 8 Toten. Und im Gesundheitszentrum in Muku, wo in der Apotheke Großpackungen von Antidepressiva stehen wurde bestätigt, dass der Bedarf daran groß ist, weil viele Menschen traumatisiert sind.

In Bukavu tut sich viel. Sichtbar ist eine rege Bautätigkeit, sowohl in den Slumvierteln als auch in den „guten Gegenden“. Die Häuser und Hütten ziehen sich immer weiter die Hänge hinauf und vor allem wird immer enger bebaut. Auf kleinen Hofplätzen wird nochmal eine Hütte hingestellt oder an den Straßenrand wird nochmal ein Hütte hingequetscht, oftmals in unmöglichen Steillagen. Die Gefahr, dass einmal ein Erdrutsch hunderte von Hütten begräbt ist immens groß.
Auf der Halbinsel Muhumba hieß es, dass auf einem Gelände, das früher unzugänglich war (man sprach vom „Mobutupark“), 30 – 40 große neue Häuser gebaut werden. Auch auf dem Nachbargrundstück des Hauses, in dem Bohnsacks und wir gewohnt haben, ist ja ein großes Haus im Entstehen, es sah allerdings ein bisschen nach Bauruine aus.

Die Anwesenheit von über 100 Hilfsorganisationen hat den Bedarf an Wohn- und Arbeitsräumen natürlich enorm gesteigert und als Folge davon die Mietkosten extrem in die Höhe getrieben. Es hieß, dass für eine Haus und Grundstück im oberen Teil von Muhumba monatlich 5000 $ Miete gezahlt werden. Da geht jegliche Verhältnis-mäßigkeit verloren und die Extreme zwischen Arm und Reich gehen immer weiter auseinander.

Äußerlich hat es also in Bukavu einen Modernisierungsschub gegeben. Es fahren viele neue und auch alte Autos durch die Stadt, was zu richtigen Staus führt. Man tauscht E-Mail-Adressen aus und jeder zweite hat ein Handy. Die neuen Kommunikationsmittel erleichtern sicher oft einiges.
Die Straßen in Bukavu sind bis auf wenige kurze neue Abschnitte genauso schlecht oder noch schlechter als früher. Manche der alten Autos stoßen die übelsten schwarzen Wolken aus, ohne dass es jemanden kümmert.
Die Chinesen bauen neue Straßen bis in die entfernten Minengebiete und leben abgeschottet in Containersiedlungen.
Was ich bedrückend fand ist, dass die Mamas weiterhin ihre Zentnerlasten tragen und auch junge Männer riesige Gewichte an Baumaterialien schleppen, neben dem fließenden oder stockenden Autoverkehr. Dass Fußgänger gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind, hat sich noch nicht herumgesprochen. Wo die Straßen gut sind, wird gerast ohne Rücksicht auf Verluste.

Der Besuch bei CAPA war für uns natürlich einer der Höhepunkte, es wurde uns ein großer Empfang bereitet. Erstaunlich ist, dass sich CAPA gut entwickelt hat trotz der extremen Widrigkeiten. Details würden hier den Rahmen sprengen, siehe die Veröffentlichung „ Gitarren, Ziegelsteine und Matrosen“ von Maria Baier-d’Orazio und Vital Mukuza.

Ein Fazit zu ziehen ist schwierig, zu widersprüchlich sind die Eindrücke. In der Begegnung mit einzelnen Menschen haben wir wieder die kommunikative Art, Offenheit und Herzlichkeit der Afrikaner erlebt, man spürt ihre Vitalität und Energie. Einiges ist ja auch im Entstehen. Manche neigen allerdings dazu, zu schnell Erwartungen nach außen zu richten anstatt erst einmal die eigenen Möglichkeiten auszuloten. Andererseits sind die Widrigkeiten aber tatsächlich extrem in einem Land, das Bürgerkriege hinter sich hat, in dem Rebellen und Soldaten immer noch die Bevölkerung auf dem Land terrorisieren und in dem der Staat sich quasi verabschiedet hat. Unterstützung ist sicher weiterhin notwendig, wobei das Problem bleibt, die Hilfe an die wirklich Bedürftigen zu bringen.

Ein positiver Ansatz schien mir die Bauernkooperative von Buhanga, in der sich die Bauern – mit Unterstützung von Oxfam und anderen – unter sich zusammengetan haben, sich gegenseitig helfen und besser organisieren.

In Buhanga konnten wir beim Besuch des traditionellen Chefs und seiner Familie auch von einer vielleicht wirklichen Veränderung erfahren. Dort wird bei der Rinderhaltung von Feld- auf Stallhaltung umgestellt und erstmals ist es Frauen erlaubt, eigene Rinder zu besitzen. Bekanntermaßen gehen ja Frauen mit dem
ihnen Anvertrauten sehr verantwortlich und sozial um.
Vielleicht sind es solche, auf den ersten Blick nicht besonders spektakulären Neuerungen, die nach und nach wirkliche Veränderungen bringen!


Schwäbisch Hall, 5.3.2011


Ulrike Körting-Göller